Wer die Spielberichte dieser Saison aufmerksam verfolgt hat, wird feststellen: Wir sind in den vergangenen Wochen etwas inflationär mit Wörtern wie „Nervenkrimi“, „Herzschlagfinale“ oder „Dramatik“ umgegangen. Das rächt sich nun. Denn pünktlich zum entscheidenden Auswärtsspiel in Neckar-Zaber sind uns schlichtweg die Steigerungsformen ausgegangen – und das ausgerechnet an dem Abend, an dem wir sie am dringendsten gebraucht hätten. Denn während an den Tischen ein exzellentes Ballgefühl über Sieg und Niederlage entschied, war eine äußerst belastbare Herz-Kreislauf-Funktion auf Seiten der Zuschauer von mindestens genauso großer Bedeutung. Mit einem hochgradig pulstreibenden 6:4-Auswärtssieg hat die TSG 1845 Heilbronn das Abstiegsgespenst endgültig entzabert und sich den Verbleib in der Verbandsoberliga aus eigener Kraft gesichert.
Störgeräusche aus der Ferne
Ein gewisser Grundpuls war bei den Heilbronner Akteuren bereits vor dem ersten Aufschlag garantiert. Aus Tuttlingen sickerte durch, dass die dortigen Gastgeber gegen Altshausen in einer historisch starken Besetzung aufliefen. Das roch verdächtig danach, dass wir uns auf fremde Schützenhilfe besser nicht verlassen sollten. Tuttlingen gewann erwartungsgemäß deutlich mit 9:1. Da die TSG parallel jedoch den Entschluss fasste, ihr sportliches Schicksal lieber selbst in die Hand zu nehmen, verkam dieses Ergebnis am Ende zur bloßen Randnotiz für die Tabellen-Statistiker.
Familiärer Schlagabtausch an den Platten
Nach einem salomonischen 1:1 in den Doppeln – Jakub und Lukas Boruvka brauchten hier bereits das volle Fünf-Satz-Programm, um sich mit 12:10 den ersten Arbeitssieg zu sichern – stand das vordere Paarkreuz ganz im Zeichen der Familienzusammenführung. Die Boruvka-Brüder trafen auf Daniel und Oliver Herbrik.
Beide Einzel drohten zunächst zugunsten der Gastgeber zu kippen. Doch statt eines frühen 1:3-Rückstands präsentierten Jakub und Lukas eine bemerkenswerte Resilienz und drehten ihre Matches jeweils nervenstark im entscheidenden fünften Durchgang. Ein 3:1-Zwischenstand, der den Heilbronner Ruhepuls vorübergehend wieder in messbare Bereiche senkte.
Von scheinbar sicheren Führungen und kalten Duschen
Diese komfortable Ausgangslage erwies sich jedoch als trügerisch. Marcel Seimen schien es eilig zu haben und erspielte sich eine flotte 2:0-Satzführung. Dann jedoch bewies sein Gegner Yves Hollenbenders unerwartete Comeback-Qualitäten und entriss ihm das Match noch mit 3:2. Da Adrian Rybinski am Nebentisch parallel nicht recht in seinen Rhythmus fand und mit 1:3 das Nachsehen hatte, war der schöne Vorsprung dahin. Mit einem 3:3 ging es in die Pause – ein atmosphärischer Dämpfer. Wer in diesem Moment emotional nah am Neckar gebaut war, brauchte starke Nerven.
Auch der zweite Durchgang lieferte wenig Stoff für Erholungssuchende. Die Boruvka-Brüder setzten ihr Abonnement auf den fünften Satz nahtlos fort. Diesmal teilte man sich die Punkte brüderlich: Jakub entschied seinen Krimi für sich, während Lukas nach 2:1-Führung am Ende dem Gegner gratulierte. Unterm Strich sicherte die TSG aus diesem hochgradig anspruchsvollen „Bruder-Duell“ drei wichtige Zähler – ein Ertrag, der bei der extremen Enge der Sätze mit etwas weniger Fortune auch ganz anders hätte aussehen können.
Die Eigengewächse übernehmen die Beweislast
Beim Stand von 4:4 lag die Verantwortung nun bei unseren Eigengewächsen im unteren Paarkreuz. Adrian Rybinski zeigte sich erfreulich unbeeindruckt von der Dramatik des Abends, verzichtete zur Abwechslung auf einen fünften Satz und tütete ein souveränes 3:0 ein. Damit war der viel zitierte Deckel drauf: Das rettende Unentschieden und der Klassenerhalt waren rechnerisch endgültig gesichert.
Befreit vom tabellarischen Ballast wollte Marcel Seimen im letzten Einzel der Saison dann doch noch einmal das volle Programm auskosten. Gegen Roman Bleck ging es standesgemäß über die volle Distanz, ehe Seimen mit einem 11:8 im Entscheidungssatz den Schlusspunkt zum 6:4-Auswärtssieg in den Spielberichtsbogen stempelte.
Alles was zählt
Dass in dieser wilden Atmosphäre niemand den Überblick verlor, lag nicht zuletzt an unserem mitgereisten Anhang. Ein besonderer Dank gilt Timo für seinen unermüdlichen Einsatz am Zählgerät, wo er leiden-schaftlich jeden Punkt souverän zählte. Worauf er anschließend allerdings nicht mehr zählen konnte, war sein Auto. Als der Wagen auf dem Parkplatz streikte, schob das komplette Team kurzerhand an. Die Boruvkas übernahmen das Steuer und koordinierten einen fachmännischen Rollstart– laut eigener Aussage in Tschechien ohnehin absolute Tagesroutine.
Versöhnlicher Ausklang am Zapfhahn
Im Anschluss zeigte sich der TTC Neckar-Zaber als hervorragender Gastgeber. Die sportliche Rivalität an der Platte wich einer überaus geselligen Atmosphäre. Gemeinsam mit den Gastgebern stieß das Team bei frisch gezapftem Bier auf den Saisonabschluss an. Dank exzellenter Grill-Spezialitäten ließ sich das strapazierte Nervenkostüm auch kulinarisch wieder hervorragend beruhigen – ein wunderbar kameradschaftlicher Ausklang, der einmal mehr bewies, dass ein kühles Helles nach einem Fünf-Satz-Krimi einfach noch ein bisschen besser schmeckt.
Nominierung und Spätzle
Mannschaftsführer Andreas Bieg bilanzierte nach dem finalen Handschlag eine extrem anspruchsvolle, aber letztlich sehr versöhnliche Saison, an deren Endergebnis es nun wirklich absolut nichts zu meckarn gibt. Ein geradezu zaberhafter Abschluss für die TSG! Er fügte mit einem dicken Augenzwinkern hinzu, dass er sich „über eine Nominierung zur Wahl der Mannschaft des Jahres 2026 sehr freuen würde".
Nun verabschieden wir uns erstmal in die Sommerpause. Der sportliche Ehrgeiz wird dabei allerdings nur dezent verlagert: Beim anstehenden Spätzlebrett-Turnier wird sich zeitnah zeigen, wer die feine Handgelenksarbeit vom teuren Carbon-Holz am elegantesten auf schwäbisches Kücheninventar übertragen kann.